{"id":991,"date":"2019-11-14T14:06:13","date_gmt":"2019-11-14T13:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/mjott.de\/blog\/?p=991"},"modified":"2019-11-17T21:02:15","modified_gmt":"2019-11-17T20:02:15","slug":"geteiltes-leid-ist-halbes-leid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mjott.de\/blog\/991-geteiltes-leid-ist-halbes-leid\/","title":{"rendered":"Geteiltes Leid ist halbes Leid?"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit diesem Beitrag m\u00f6chte ich eine Geschichte und damit verkn\u00fcpfte Gedanken niederschreiben &#8211; oder auch: los werden &#8211; welche mich seit l\u00e4ngerer Zeit besch\u00e4ftigt. Soviel vorweg: Es wird kein Gute-Laune-Beitrag, denn es geht um das Thema Depression.<\/p>\n\n\n\n<p>Knapp jeder f\u00fcnfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an einer depressiven St\u00f6rung (<a href=\"https:\/\/www.deutsche-depressionshilfe.de\/depression-infos-und-hilfe\/was-ist-eine-depression\/haeufigkeit\">Quelle<\/a>). Umso erstaunlicher ist es, wie wenig diese Krankheit im Bewusstsein unserer Gesellschaft ist, und noch mehr, wie schwer es ist, Hilfe zu finden. Um meine Erfahrungen als Au\u00dfenstehender soll es im Folgenden gehen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"background-color:#e9e9e9\" class=\"has-background\">Kontext:<br>Eine Kollegin ist, so lange ich sie kenne, etwas &#8230; kompliziert. Soziale Situationen \u00fcberfordern sie manchmal. Ihre Entscheidungen und ihr Handeln folgen Teils einer ganz eigenen Logik, die f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht immer nachvollziehbar ist. Dazu kommen, in sehr ausgepr\u00e4gter Form, Ehrgeiz und hohe Anspr\u00fcche an sich selbst. In letzter Konsequenz f\u00fchrt dies zu extremen Stresssituationen, \u00dcberforderung, \u00c4ngsten und Verzweiflung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe meist ein offenes Ohr f\u00fcr meine Mitmenschen und kann mich schwer abwenden wenn ich bemerke dass es ihnen schlecht geht. So kam es, dass ich irgendwann versuchte, meiner Kollegin aus einem Stimmungstief heraus zu helfen, woraus sich nach und nach eine Vertrauensbeziehung entwickelte. Leider war mein seelischer Beistand nicht genug, die Situation eskalierte zunehmend. Auf Phasen relativer Ruhe folgten, oft ausgel\u00f6st durch externe Stressfaktoren, immer heftigere Zusammenbr\u00fcche. Und irgendwann dann das erste Mal laut ausgesprochene Suizidgedanken.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"background-color:#e9e9e9\" class=\"has-background\">Exkurs: Suizid<br>Der Gedanke an Suizid ist f\u00fcr meinen Verstand so skurril, so abwegig, wie es \u00fcberhaupt nur ein Gedanke sein kann. Ich kann begreifen, dass unheilbar degenerativ erkrankte Menschen oder solche in vergleichbaren Ausnahmesituationen den Wunsch nach einem selbstbestimmten, schmerzlosen Tod in W\u00fcrde haben. Aber davon abgesehen? Das \u00fcberschreitet die Grenzen meines Verstandes.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass meine Kollegin diese Gedanken \u00e4u\u00dferte, bewirkte zwei Dinge. Ab diesem Zeitpunkt war f\u00fcr mich vollkommen klar, dass sie professionelle Hilfe braucht. Zugleich wollte, konnte ich sie nicht Stich lassen. Ich f\u00fchlte mich verantwortlich. Und damit auch v\u00f6llig \u00fcberfordert. \u00dcberfordert damit, in einer Situation gefangen zu sein, die ich nicht selbst kontrollieren konnte. Ich wusste um ihren Zustand, konnte aber lange mit niemandem dar\u00fcber reden. Ich war zum Zusehen verdammt, konnte doch nur sie selbst die Entscheidung treffen, professionelle Hilfe aufzusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hilfe zu finden erwies sich, nachdem der Entschluss endlich gefasst war, dann als unglaublich schwierig. Im Hinblick darauf, dass sowohl die erkrankte Person als auch Angeh\u00f6rige und Freunde mit der Situation \u00fcberfordert sind, w\u00e4re es w\u00fcnschenswert eine Anlaufstelle zu haben, die geeignete Angebote kennt, vermittelt und den Prozess organisatorisch begleitet. Tats\u00e4chlich wurde meine Kollegin, nachdem sie sich an ihren Hausarzt wandte, an eine Psychiaterin verwiesen. Diese riet, im Hinblick auf eine drohende Depression, dringend zu eine psychotherapeutischen Behandlung &#8211; und schickte meine Kollegin mit einer Liste von ebensolchen Therapeuten wieder nach Hause. Einen Therapieplatz zu erhalten ist ein Gl\u00fccksspiel. Selbst einen Therapeuten nur ans Telefon zu bekommen ist bei telefonischen Sprechzeiten von einmal w\u00f6chentlich 15 oder 30 Minuten eine Herausforderung, insbesondere f\u00fcr einen berufst\u00e4tigen Menschen mit einer psychischen Erkrankung!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer weiteren Phase relativer Ruhe folgte dann, die n\u00e4chste Eskalationsstufe: Meine Kollegin f\u00fcgte sich wiederholt gezielt Schnittwunden an den Unterarmen zu. &#8220;Nur&#8221; oberfl\u00e4chlich, aber das gen\u00fcgte f\u00fcr mich. Abwarten war ausgeschlossen, Hilfe war so schnell wie m\u00f6glich n\u00f6tig. Wie schlecht es ihr ging, nahm sie dabei gar nicht wahr. Ich dachte dar\u00fcber nach, sie in eine Notaufnahme zu bringen, aber sie verneinte in irgend einer Form ein Notfall zu sein, das w\u00e4ren ja nur ernsthaft kranke Menschen. Viel schlimmer anzusehen als die k\u00f6rperlichen Wunden war ihr seelischer Zustand. Ihr Verstand qu\u00e4lte sie &#8211; und ich f\u00fchlte ihren Schmerz, litt mit ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich suchten wir eine Beratungsstelle auf. Das Gespr\u00e4ch war vor allem unter einem Gesichtspunkt wertvoll: Ich erfuhr von einer psychiatrischen Ambulanz als m\u00f6gliche Anlaufstelle f\u00fcr Notf\u00e4lle. Nach weiteren Schnitten und einem eigentlich schon lange \u00fcberf\u00e4lligen Gespr\u00e4ch mit dem Arbeitgeber brachte ich meine Kollegin schlie\u00dflich in genau diese Ambulanz. <\/p>\n\n\n\n<p>Und an dieser Stelle endet die Geschichte, denn auch wenn erste Schritte getan sind: Meine Kollegin hat noch einen langen Weg vor sich. Nach station\u00e4rem Aufenthalt arbeitet sie wieder, aber die Therapie l\u00e4uft weiter. Mit der R\u00fcckkehr in den Alltag ist auch ein Teil der Verantwortung wieder zu mir zur\u00fcck gekehrt, welche ich in der Ambulanz abgeben konnte. Gleichwohl ist die Situation nun eine andere. Ich muss keine Entscheidungen mehr dar\u00fcber f\u00e4llen, was Richtig f\u00fcr meine Kollegin ist, oder was andere erfahren d\u00fcrfen. Ich muss diese Last nicht mehr alleine tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hoffentlich kann ich eines Tages auch meine Fl\u00fcgel als &#8220;Schutzengel&#8221; an den Nagel h\u00e4ngen und einfach nur ein Freund f\u00fcr sie sein. Denn einfach nur eine Kollegin ist sie schon lange nicht mehr f\u00fcr mich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit diesem Beitrag m\u00f6chte ich eine Geschichte und damit verkn\u00fcpfte Gedanken niederschreiben &#8211; oder auch: los werden &#8211; welche mich seit l\u00e4ngerer Zeit besch\u00e4ftigt. Soviel vorweg: Es wird kein Gute-Laune-Beitrag, denn es geht um das Thema Depression. Knapp jeder f\u00fcnfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an einer depressiven St\u00f6rung (Quelle). 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