Geteiltes Leid ist halbes Leid?

Mit diesem Beitrag möchte ich eine Geschichte und damit verknüpfte Gedanken niederschreiben – oder auch: los werden – welche mich seit längerer Zeit beschäftigt. Soviel vorweg: Es wird kein Gute-Laune-Beitrag, denn es geht um das Thema Depression.

Knapp jeder fünfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an einer depressiven Störung (Quelle). Umso erstaunlicher ist es, wie wenig diese Krankheit im Bewusstsein unserer Gesellschaft ist, und noch mehr, wie schwer es ist, Hilfe zu finden. Um meine Erfahrungen als Außenstehender soll es im Folgenden gehen.

Kontext:
Eine Kollegin ist, so lange ich sie kenne, etwas … kompliziert. Soziale Situationen überfordern sie manchmal. Ihre Entscheidungen und ihr Handeln folgen Teils einer ganz eigenen Logik, die für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar ist. Dazu kommen, in sehr ausgeprägter Form, Ehrgeiz und hohe Ansprüche an sich selbst. In letzter Konsequenz führt dies zu extremen Stresssituationen, Überforderung, Ängsten und Verzweiflung.

Ich habe meist ein offenes Ohr für meine Mitmenschen und kann mich schwer abwenden wenn ich bemerke dass es ihnen schlecht geht. So kam es, dass ich irgendwann versuchte, meiner Kollegin aus einem Stimmungstief heraus zu helfen, woraus sich nach und nach eine Vertrauensbeziehung entwickelte. Leider war mein seelischer Beistand nicht genug, die Situation eskalierte zunehmend. Auf Phasen relativer Ruhe folgten, oft ausgelöst durch externe Stressfaktoren, immer heftigere Zusammenbrüche. Und irgendwann dann das erste Mal laut ausgesprochene Suizidgedanken.

Exkurs: Suizid
Der Gedanke an Suizid ist für meinen Verstand so skurril, so abwegig, wie es überhaupt nur ein Gedanke sein kann. Ich kann begreifen, dass unheilbar degenerativ erkrankte Menschen oder solche in vergleichbaren Ausnahmesituationen den Wunsch nach einem selbstbestimmten, schmerzlosen Tod in Würde haben. Aber davon abgesehen? Das überschreitet die Grenzen meines Verstandes.

Dass meine Kollegin diese Gedanken äußerte, bewirkte zwei Dinge. Ab diesem Zeitpunkt war für mich vollkommen klar, dass sie professionelle Hilfe braucht. Zugleich wollte, konnte ich sie nicht Stich lassen. Ich fühlte mich verantwortlich. Und damit auch völlig überfordert. Überfordert damit, in einer Situation gefangen zu sein, die ich nicht selbst kontrollieren konnte. Ich wusste um ihren Zustand, konnte aber lange mit niemandem darüber reden. Ich war zum Zusehen verdammt, konnte doch nur sie selbst die Entscheidung treffen, professionelle Hilfe aufzusuchen.

Hilfe zu finden erwies sich, nachdem der Entschluss endlich gefasst war, dann als unglaublich schwierig. Im Hinblick darauf, dass sowohl die erkrankte Person als auch Angehörige und Freunde mit der Situation überfordert sind, wäre es wünschenswert eine Anlaufstelle zu haben, die geeignete Angebote kennt, vermittelt und den Prozess organisatorisch begleitet. Tatsächlich wurde meine Kollegin, nachdem sie sich an ihren Hausarzt wandte, an eine Psychiaterin verwiesen. Diese riet, im Hinblick auf eine drohende Depression, dringend zu eine psychotherapeutischen Behandlung – und schickte meine Kollegin mit einer Liste von ebensolchen Therapeuten wieder nach Hause. Einen Therapieplatz zu erhalten ist ein Glücksspiel. Selbst einen Therapeuten nur ans Telefon zu bekommen ist bei telefonischen Sprechzeiten von einmal wöchentlich 15 oder 30 Minuten eine Herausforderung, insbesondere für einen berufstätigen Menschen mit einer psychischen Erkrankung!

Nach einer weiteren Phase relativer Ruhe folgte dann, die nächste Eskalationsstufe: Meine Kollegin fügte sich wiederholt gezielt Schnittwunden an den Unterarmen zu. „Nur“ oberflächlich, aber das genügte für mich. Abwarten war ausgeschlossen, Hilfe war so schnell wie möglich nötig. Wie schlecht es ihr ging, nahm sie dabei gar nicht wahr. Ich dachte darüber nach, sie in eine Notaufnahme zu bringen, aber sie verneinte in irgend einer Form ein Notfall zu sein, das wären ja nur ernsthaft kranke Menschen. Viel schlimmer anzusehen als die körperlichen Wunden war ihr seelischer Zustand. Ihr Verstand quälte sie – und ich fühlte ihren Schmerz, litt mit ihr.

Schließlich suchten wir eine Beratungsstelle auf. Das Gespräch war vor allem unter einem Gesichtspunkt wertvoll: Ich erfuhr von einer psychiatrischen Ambulanz als mögliche Anlaufstelle für Notfälle. Nach weiteren Schnitten und einem eigentlich schon lange überfälligen Gespräch mit dem Arbeitgeber brachte ich meine Kollegin schließlich in genau diese Ambulanz.

Und an dieser Stelle endet die Geschichte, denn auch wenn erste Schritte getan sind: Meine Kollegin hat noch einen langen Weg vor sich. Nach stationärem Aufenthalt arbeitet sie wieder, aber die Therapie läuft weiter. Mit der Rückkehr in den Alltag ist auch ein Teil der Verantwortung wieder zu mir zurück gekehrt, welche ich in der Ambulanz abgeben konnte. Gleichwohl ist die Situation nun eine andere. Ich muss keine Entscheidungen mehr darüber fällen, was Richtig für meine Kollegin ist, oder was andere erfahren dürfen. Ich muss diese Last nicht mehr alleine tragen.

Und hoffentlich kann ich eines Tages auch meine Flügel als „Schutzengel“ an den Nagel hängen und einfach nur ein Freund für sie sein. Denn einfach nur eine Kollegin ist sie schon lange nicht mehr für mich.

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